Von Hakaui zum Te Vai Po

(Wasser der Nacht)

Während der Nacht hat es in Taioha’e noch geregnet, doch der Morgen präsentiert sich mit einem wolkenlosen Himmel. Täler und Berge auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht ruhen immer noch im tiefen Schatten. Nur die obersten Felsspitzen umschwebt ein Kranz goldener Sonnenstrahlen, die gemächlich sanft die Landschaft in eine Symphonie von Farben und Lichtgarben hüllen. Dieses Schauspiel direkt vom Bett aus zu genießen ist eines der einmaligen Erlebnisse die das Hotel Keikahanui seinen Gästen bietet.

Beim Frühstück wartet bereits die Crew, mit der wir den Tag im Tal von Hakaui verbringen werden. Chefin der Truppe ist Tracey, die Tour-Managerin des Hotels, erfahren, klug, sportlich und mit der Insel auf vertrautem Fuß. Sie ist Engländerin, in Südafrika aufgewachsen. Auch sie hat der Zufall nach Taioha’e verschlagen. Mit ihren blonden Haaren, dem fein geschnittenen Gesicht und den strahlend blauen Augen unter dunklen Wimpern ist sie das pure Gegenteil zu den einheimischen Frauen und doch wird sie von allen akzeptiert, ja geliebt, denn sie ist Freund und Kumpel, dem man auf Anhieb vertraut. 41.jpg (25349 Byte)
Leider kann Richard, der 23-jährige Sunnyboy und Jüngster unter den Reiseleitern, nicht mit dabei sein. Wir mögen ihn und bedauern dies sehr. Die Unternehmungen mit ihm waren jedes Mal ein Erlebnis für sich. Vor allem weil er ein exzellenter Autofahrer ist und selbst mit den heikelsten Situationen fertig wird. Nur nicht mit dem sorglos auf der Strasse herumspazierenden Federvieh. Sie provozieren ihn, fordern sein marquesanisches Temperament heraus. Denn erst wenn Richard mit Vollgas auf die buntgefiederten Gockel ansetzt, flüchten sie gackernd und rennend ins nahe Unterholz. Beide Seiten finden offensichtlich Gefallen an diesen Scharmützeln, der eine, weil er einmal mehr der Hahnenschreck war und die Gockel weil sie wieder die Triumphatoren sind. Nur so ist das stolz schmetternde Kikeriki zu erklären, das dem inzwischen manierlich davon fahrenden Jeep hinterher geschickt wird. Die Hennen sind die Klügeren, die bleiben im Wald. Jagd auf Wildschweine (auch die können sich auf der Strasse herumtreiben) und Hahnenkampf mit dem Auto ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber unterhaltsam ist es allemal.
An Richards Stelle wird heute morgen Tamarii, ein Lehrling im Reiseleitergeschäft, mitgenommen. Dabei ist auch Zo. Er ist ein schöner, schlanker Marquesaner, in dessen Gesicht sich die marquesanische und europäische Physiognomie vortrefflich ergänzen. Mit seinen unergründlich dunklen Augen, seinem sinnlichen Mund, den schneeweißen Zähnen und schwarzem lockigen Haaren bringt er jedes Frauenherz zum Schwärmen, vor allem wenn er voll Leidenschaft seine panpazifischen Lieder singt. Heute wird er als Führer dabei sein, denn niemand kennt das Hakaui Tal so gut wie er. Neben Bob und mir gehört noch Nathalie aus Frankreich zu unserer Gruppe. Sie sieht nicht nur blendend aus, sie besitzt auch eine gehörige Portion Charme. Man darf neugierig sein, was sich im Laufe des Tages aus dieser Konstellation entwickeln wird. 66.jpg (43529 Byte)
An die mit Schlaglöchern bestückte Strasse zum Kai haben wir uns inzwischen gewöhnt und es gehört dazu, dass man sich mindestens einmal den Kopf am Autodach anschlägt. Etwas mulmiger wird es, als ein kleines Motorboot vorfährt, das uns nach Hakaui bringen soll. Doch das Meer ist ruhig und ich denke, dass Tracey und Co. wissen, was sie uns zumuten können. Jedenfalls verschwindet selbst das letzte Quäntchen Angst, als wir draußen auf dem offenen Meer sind, und an einer derart monumentalen Felslandschaft vorbei brausen, dass es einfach keine Zeit mehr gibt, an etwas anderes zu denken. Längs der Südküste passieren wir die Bucht des kleinen Tales Ha'a'aotupa, umrunden das Kap Hoemuku, bestaunen die wild zerklüfteten Vulkanfelsen Ututaotao und Tehiohio, und fahren nach einer Stunde in die Bucht Hakaui ein.  07.jpg (21571 Byte)
Wir nehmen Kurs auf Tai’oa, aber nicht so bequem, wie man es mit den Walbooten der „Aranui“ gewöhnt ist. Hier heißt es, im offenen Meer auf ein kleines Beiboot umzusteigen, das wie eine Nussschale um uns herumtanzt. Zo hat den Part des Paddlers übernommen. Ob das gut geht? Mit dem Mut des „Jetzt oder Nie“ balanciere ich in das Beiboot. Dabei erinnere ich mich an seinen Song „A Hoe I Te Va’a“ in dem er mit großem Schmelz die Liebe zum Paddeln und zu seinem Kanu besingt. Ich hoffe inständig, dass der Interpret so gut paddeln wie singen kann. Er kann es. Jedenfalls lädt er uns problemlos am Rand der Bucht von Tai’oa aus, das heißt, es sind noch einige heikle Felsen zu bezwingen, bis man endlich durchs Wasser ans Land waten kann. Schuhe, Socken und Füße erfahren zum ersten Mal an diesem Tag ein Vollbad. Das ist vergessen als wir der sonnenbeschienenen, hoch aufragenden, spitzen grünen Felskolosse Hakauis ansichtig werden, die sich aus dem üppigen Grün des vor uns liegende Tales in den tiefblauen Himmel recken. 67.jpg (42114 Byte)
Direkt an dieser Bucht liegt das große Tohua Te Pona Ouoho (Stammplatz der Familie Taupotini) und das Haus von Daniere und seiner Frau, die seit vielen Jahren gehbehindert ist und das Haus nicht mehr verlassen kann. Trotzdem strahlt sie liebenswerte Zufriedenheit aus, vor allem als sie ihren Enkel Tamarii sieht, dem sie gleich ins Gewissen redet, sich den Fremden gegenüber ja gut zu benehmen. Zu unserer Verteidigung hängt ihm sein Großvater ein ganzes Sortiment an Macheten und Säbeln um, so dass wir selbst den Krieg gegen eine Herde Dinosaurier gewinnen würden. Bob ist sofort mit Daniere in ein Gespräch über das Tohua vertieft. Nachher erfahre ich, dass schon Karl von den Steinen 1898 diese Fundstätte besucht hatte. Zu seiner Zeit war der Stammplatz anlässlich der Hochzeit zwischen der Enkelin von Königin Vaekehu (siehe „Manuiota’a, Tagebuch einer Reise auf die Marquesas-Inseln“) und dem Häuptling Taupotini völlig restauriert worden. Doch davon sieht man heute nichts mehr.
Mir scheint, während wir das Tal hinauf wandern, dass sich hier jemand große Mühe gegeben hat, einen Wanderweg nach europäischem Muster anzulegen. „Nein, kein Wanderweg, das war eine typische marquesanische Strasse, die es schon 1813 gab, als Kapitän Porter auf Nuku Hiva war“ erklärt Bob. Auf jeden Fall ist es ein großes Vergnügen auf dem samtweichen Grasteppich, der die Pflastersteine überzieht, das Tal zu durchqueren. Flankiert wird er von Ti-Pflanzen, die von sonnengelb bis zu tiefem burgunderrot ihre ganze Farbenpracht entfalten. Am angenehmsten ist der Schatten, den die Kokospalmen, Brotfrucht-, Hibiskus- und Mangobäume spenden. Ab und zu trifft man auch auf mächtige Rosenholz- und Pandanusbäume, die Holzlieferanten der Inseln. Eine längere Strecke marschieren wir in dieser paradiesisch anmutenden Landschaft. Manchmal kreuzt der Fluss Vai’oa unseren Weg. Zuerst bemühe ich mich noch, von Stein zu Stein zu hüpfen, gebe aber diese Anstrengungen bald auf und wate genüsslich, manchmal hüfthoch, durch das angenehm kühle Wasser. Wenn es zu reißend wird, bilden wir eine Kette.

Je weiter wir aber in den Canyon vordringen, umso mehr verwandelt sich die Landschaft in einen immer dichter werdenden Wald vorwiegend aus Kastanien- und Eisenholzbäumen. Der bequeme Wanderweg ist schon längst einem Trampelpfad gewichen. Felsbrocken, Kokosnüsse, Gestrüpp bedecken den Pfad. Nicht selten findet man sich plötzlich auf Rutschposition, wo nur noch ein starker Männerarm den endgültigen Plumps in den Urwald verhindert. Felsblöcke, skurril, mächtig an Ua Pou erinnernd, verengen zusehends das Tal. Endlich kann Tamarii vom Werkzeug seines Großvaters Gebrauch machen. Mit gewaltigen Schlägen räumt er den Weg von Ästen frei, die ein Durchkommen erschweren. Oder er schlägt köstliche Früchte von den Bäumen, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie gibt, geschweige denn, je davon gegessen habe. Zum Beispiel eine große grüne Frucht, ähnlich einer Kokosnuss, die den Namen „koroso“ trägt und deren breiige, weiße Fasern köstlich erfrischend den Durst löschen. Zo und Nathalie haben sich immer mehr zurückgezogen und lassen ihrem Liebesgeplänkel freien Lauf.

Noch einmal gilt es, unter Sträuchern, über abgestorbene Bäume und mächtige Plattformen zu klettern. Die verfallenen Ruinen die unter wild verschlungenem Dickicht begraben sind, gehören zu Ana o tako (Höhle der Dunkelheit). Oft letzter Unterschlupf verfolgter Krieger und Stämme.

Nach zwei Stunden haben wir das Ende des Tales erreicht und stehen vor dem 700 Meter hohen Wasserfall Te Vai Po (das Wasser der Nacht). Obwohl das Tageslicht kaum durch die Felsen dringt, ist die Talsohle moosgrün und dicht bewachsen. Der Wasserfall gehört seit Jahrhunderten zu den Legenden der Insel, in denen seine Größe und Macht verherrlicht wird. Leider ist er heute nur noch ein Rinnsal. Trotzdem sind auch wir von dieser eindrücklichen Kulisse begeistert. Als sich ein mächtiger Felsbrocken aus der Wand löst und in den dunklen Teich donnert, halten wir es für ratsam, den Rückweg wieder anzutreten.

Wir folgen dem Flusslauf des Te Vai Po und genießen bald wieder das vermehrt eindringende Sonnenlicht. An einer Biegung des Flusses, in dem ein kleines Staubecken entstanden ist, beschließen wir, eine Pause einzuschalten. Tracey zaubert köstliche Sandwiches aus ihrem Rucksack und die Wasserflaschen machen einmal mehr die Runde. Leider habe ich vergessen, meinen Badeanzug einzustecken. So bleibt mir nur, Nathalie und Tracey zu beneiden, die sich ausgiebig im kühlen Nass tummeln.

Dafür plagen uns am Flussufer die Nonos (winzige, bösartige Mücken), die sich in Scharen auf die willkommenen Leckerbissen stürzen. „Anti-Brumm forte“ bleibt ebenso wirkungslos, wie das ärgerliche Abwehren der Biester. Früher als geplant brechen wir deshalb wieder auf. Tamarii behauptet, einen kürzeren Weg zu wissen und weil er bisher so hervorragend geführt hat, folgen wir ihm bedenkenlos. Aber weder von Weg noch Pfad kann fortan die Rede sein. Wir hangeln an Bäumen über tiefe Löcher, rutschen Böschungen hinunter, landen mitten im Fluss, der reißend unbequem wird, dann kraxeln wir wieder über prähistorische Steinhaufen nach oben. Es ist ein ununterbrochener Kampf und selbst Tamariis heftiges Werkeln mit der Machete hält tief hängende Äste nicht davon ab, uns Arme und Gesicht zu zerkratzen. In einem behielt er aber recht. Wir haben den Rückweg um die Hälfte abgekürzt und befinden uns nach einer Stunde bereits wieder auf dem „paradiesischen Wanderweg“, der eine wohlverdiente Labsal für die nassen, geschundenen Füße ist.

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Diesmal wartete das Boot am Strand von Hakate'a auf uns. Die Bucht ist durch eine Landzunge von Tai’oa getrennt. Weil sich Zo und Nathalie verspäten, haben wir Zeit, diese absolut zauberhafte, von einem dichten Palmenwald gesäumte Bucht zu bestaunen. Hier bietet sich Südseestimmung pur mit smaragdgrünem Wasser, weißem Sandstrand und dekorativen Lavafelsen. Auch Bob hat im einzigen Bewohner der Bucht einmal mehr einen Gesprächspartner gefunden. Wie sich herausstellt ist Taro der Bruder von Yvonne Katupa, der Bürgermeisterin von Hatiheu, die wiederum Kusine von Alfonso ... – aber lassen wir das. Das Beziehungsgeflecht der Marquesaner ist so undurchdringlich wie der Urwald von Hakaui. Leider kann selbst der müdeste Wanderer von den Nonos nicht erwarten, dass man ihn in Ruhe lässt. Wieder einmal bin ich von Nono-Schwärmen umgeben, die mich zu einem gewaltigen Hechtsprung ins Meer veranlassen, in dem ich samt Turnschuhen und mit dem Rest der Wanderkleidung so lange bleiben werde, bis Zo und Nathalie endlich ihren Weg zu uns gefunden haben.

Als es soweit ist, holt Zo das kleine Beiboot und wir paddeln, dieses Mal um einiges entspannter, zum wartenden Motorboot, dessen Führer auffallend ungeduldig ist. Immer noch ahnungslos entledige ich mich der nassen Kleider und mache es mir in Traceys trockenem Pareu bequem. Die Freude auf eine gemütliche Heimfahrt ist groß. Zu dieser gehobenen Stimmung trägt zweifellos, das von der Nachmittagssonne in goldene Grüntöne getauchte Tal von Hakaui bei. Jemand schrieb darüber: „So muss das Paradies vor der Vertreibung ausgesehen haben.“ Je mehr wir uns aber aus der Bucht entfernen, umso unparadiesischer wird es. Gewaltige Wellen klatschen gegen das Boot, das seinen Kurs nur noch mühsam halten kann. Die meterhohen Wellen haben uns fest im Griff. Der Ausgang scheint ungewiss. Was bleibt da noch? Was nutzt es Angst zu haben? Bringt das etwas? Ich entscheide mich für Gelassenheit und baue einmal mehr auf das Gottvertrauen, etwas das man auf diesen Inseln immer und zu jeder Zeit brauchen kann. Von den Wellen hin und her geschüttelt, aufgehoben, fallen gelassen, so geht es dem sicheren Hafen von Taioha’e entgegen.

Die Meinungen über Luxus-Hotels und deren Preise sind geteilt. Aber wenn man so verschwitzt, die Haut vom Salzwasser verklebt, in ein luftiges, blitzsauberes Hotelzimmer zurückkehrt und sich unter eine funktionierende Dusche stellen kann, ist das Wohlbefinden grenzenlos und jeder Preis gerechtfertigt.

Am frühen Abend treffen wir in der Bar auf Pierre Ottino, der gegenwärtig der erfolgreichste Archäologe der Marquesas ist. Er ist ein ruhiger, schlanker, asketisch wirkender Mann, dem man sein Alter (50 Jahre) nie und nimmer ansieht – er könnte einer seiner Studenten sein. Heute Abend wartet er mit einer besonders interessanten Neuigkeit auf uns. Vor wenigen Tagen erst stieß er im Tohua Kamuihei (Hatiheu) auf ein Erdloch mit sauber geputzten Menschenschädeln. Jeder einzelne stand auf einem kleinen Schildplattteller, was beweißt, dass es sich hier um einen besonders bedeutungsvollen Platz gehandelt hat. Obwohl es noch viel Fragen dazu gibt, drängt die Zeit, denn wir haben eine Verabredung mit Tracey. Wir vereinbaren mit Pierre, dass wir uns vor der Abreise nochmals treffen werden.

Welch himmlischen Genuss können lang vermisste Spaghetti Bolognese kombiniert mit würzigem Knoblauchbrot und einem leckeren Tomatensalat auf die Zunge zaubern, so bedauerlich diese Tatsache für die perfekten Kochkünste des Meisterkochs vom Keikahanui ist. Selbst seine preisgekrönten Ziegenkoteletts in Kokosmilchsauce haben keine Chancen gegenüber Traceys lukullischen Kochkünsten. Mit ihren französischen Freunden und ihrer hübschen wohlerzogenen Tochter Mokoheani, genießen wir diesen Abend in angeregter Unterhaltung. Oft dringen Lachsalven weit hinaus in die Nacht, denn die Anekdoten nehmen kein Ende. Wie könnten sie auch, wenn es um die schlitzohrigen, erfindungsreichen Marquesaner geht, mit denen die Franzosen bis zum heutigen Tag ihre liebe Not haben. Am Ende sind wir uns einig, noch selten einen so unterhaltsamen Abend verbracht zu haben.

Später, als ich auf meinem Balkon stehe, unter mir die im Mondlicht flimmernde Bucht, darüber Myriaden von Sternen, die sich mit dem Kreuz des Südens ein Stelldichein geben, kommt mir der Refrain eines deutschen Evergreens in den Sinn, das so abgedroschen wie alltäglich ist. Es ist ein Stilbruch, ich weiß, aber dennoch muss ich gestehen: „So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag der dürfte niiiiie vergeh’n.“

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